Zum Inhalt

Heute Ruhetag — wer aufmacht, wenn geschlossen ist

Gleich am ersten Tag unseres Jakobswegs stand ich vor einer verschlossenen Kapelle der Vergebung. Danach hatte jedes Gasthaus Ruhetag. Aufgemacht haben am Ende nicht die Institutionen, sondern Menschen.

Johannes Wirgler
Johannes Wirgler
Systemischer Coach & Unternehmensberater
LinkedIn
Heute Ruhetag — wer aufmacht, wenn geschlossen ist

    Mein Weg, Teil 10

    Purkersdorf, gleich am ersten Tag unseres Jakobsweges. Wir haben die Kirche besucht. 2016 war ein Heiliges Jahr, die Kirche hatte es unter das Zeichen der Barmherzigkeit gestellt. In vielen Kirchen gab es dafür eigene Orte: Orte der Versöhnung, Kapellen der Vergebung.

    In Purkersdorf war es eine eigene Kapelle. Sie war mit einem Gittertor verschlossen. Daran ein Schild: GESCHLOSSEN.

    Das war der erste Eindruck, mit dem wir in 2,7 Millionen Schritte gestartet sind. Ort der Versöhnung. Heute geschlossen.

    Verschlossenes Gittertor vor der Kapelle der Vergebung in Purkersdorf mit dem Schild „geschlossen"

    Was Regeln regeln

    Es blieb nicht der einzige. Über die nächsten Wochen entwickelte sich ein Rhythmus, den wir uns nicht ausgesucht hatten: Wo immer wir ankamen, hing dieselbe Tafel. Gasthaus im Ortskern, Ruhetag. Imbissbude an der Durchzugsstraße, Ruhetag. Am Land gibt es entlang des Weges keine Geschäfte, die das auffangen. Wer dort zusperrt, sperrt für den, der zu Fuß kommt, alles zu.

    Manchmal war jemand da. Die Wirtin putzte, der Inhaber räumte Kisten. Wir haben gefragt — nicht fordernd, wir wussten ja, dass Ruhetag war: Ob es vielleicht etwas zu trinken gäbe, wir seien Pilger, wir kämen sonst zu nichts.

    Die Antworten waren höflich und eindeutig. Wir müssen auch einmal Pause machen. Das dürfen wir gar nicht. Das geht nicht.

    Und hier ist das Unangenehme: Jedes einzelne dieser Argumente stimmt. Ruhezeiten sind erkämpft, nicht geschenkt. Gastronomie ist ein Beruf mit langen Diensten und wenig freien Tagen. Ich habe volles Verständnis dafür, dass jemand seinen freien Tag verteidigt.

    Trotzdem standen wir draußen.

     Schild „Heute Ruhetag" an der verschlossenen Tür einer Imbissbude am Jakobsweg

    Was das mit mir gemacht hat

    Zuerst war es Überraschung. Dann Enttäuschung. Und irgendwann, ich gebe es zu, auch Ärger.

    Nicht auf die Menschen. Auf etwas Größeres, das ich damals noch nicht benennen konnte. Auf die Selbstverständlichkeit, mit der etwas geschlossen war. Auf eine Ordnung, in der alles seine Regel hat und die Regel für sich genommen niemandem wehtut — und in der man trotzdem am Ende eines langen Tages vor einer Tür steht.

    Nach einigen Wochen kam noch etwas dazu, das schlimmer war als der Ärger: die Vorahnung. Wir sahen ein Gasthaus von weitem und rechneten schon nicht mehr damit. Man macht sich klein, bevor man überhaupt gefragt hat.

    Das kenne ich aus Organisationen. Wenn jemand aufhört zu fragen, ist selten das letzte Nein der Grund. Es sind die drei davor.

    Wer aufgemacht hat

    Etwas ist uns dann aufgefallen, und es hat uns beschäftigt.

    Offen waren die Kebab-Lokale. Die Pizzerien. Die kleinen Betriebe, die zugewanderte Menschen führten. Dort gab es keine Diskussion. Wir waren willkommen, es gab etwas zu essen, einen Sessel, Schatten, Wasser. In Österreich war das an manchen Tagen unsere einzige Möglichkeit.

    Ich will daraus keine These über Herkunft machen. Die trägt nicht, und sie wäre auch nicht wahr. Was mir aufgefallen ist, war etwas anderes: Da war jemand für uns da. Ohne dass wir es begründen mussten.

    Hinter Salzburg, wir gingen die Salzach entlang und waren nach Deutschland gekommen. Ein Tal, in dem es sonst nichts gab. Ein Gasthaus. Ruhetag, natürlich.

    Die Wirtin war am Putzen. Sie sah uns, kam heraus und sagte: Setzt euch hin. Wir haben noch gefragt, ob sie nicht Ruhetag habe. Kein Problem, sagte sie. Wollt ihr etwas trinken? Wollt ihr ein Bier?

    Das ist der Moment, an den ich mich zehn Jahre später erinnere. Nicht an die Tafeln.

    Tal an der Salzach bei strömendem Regen, unterwegs am Jakobsweg

    Und so ging es weiter. Menschen, die uns den Weg erklärten, obwohl sie es eilig hatten. Die uns etwas anboten. Die uns einluden, bei ihnen zu bleiben. Der Weg gibt — aber er gibt nicht aus sich heraus. Er gibt durch Menschen, die sich entscheiden.

    Das ist der Unterschied, um den es mir geht. Nicht Herkunft. Haltung. Die Wirtin an der Salzach hätte zusperren können. Sie hatte jedes Recht dazu. Sie hat sich anders entschieden.

    Was das mit Führung zu tun hat

    Ich habe zwanzig Jahre in der IT gearbeitet, zehn davon in Führungsverantwortung. Ich kenne die Tafel von der anderen Seite.

    Sie heißt dort anders. Dafür bin ich nicht zuständig. Das ist nicht mein Projekt. Da müssen Sie ins Ticketsystem. Das haben wir so nicht vereinbart. Jeder dieser Sätze ist korrekt. Und jeder ist eine Tafel an einer Tür.

    Ein Beispiel aus meiner Zeit als Führungskraft. Ein Softwareprojekt, das Team stand an, und die Klärung hing beim Kunden. Ich war an dem Tag bei einem anderen Kunden, also nicht erreichbar.

    Ein Kollege hat sich dann selbst beim Kunden gemeldet. Das war normalerweise nicht seine Aufgabe, und Kundengespräche waren das, was er am wenigsten gerne machte. Er hat die offenen Punkte geklärt, und das Team konnte weiterarbeiten. Keine Blockade, kein verlorener Tag.

    Beim Demo-Meeting war der Kunde sehr zufrieden. Es war genau das geworden, was er sich vorgestellt hatte. Der Kollege war dabei.

    Er hat mir danach erzählt, wie es gelaufen ist. Und er hat dazugesagt, dass es ihm nicht leichtgefallen ist. Es sei dann aber gar nicht so schlimm gewesen, wie er es sich vorgestellt hatte.

    Er wusste, dass er das darf. Sonst hätte er gewartet, bis ich zurück bin — und das Team hätte einen Tag verloren.

    In agilen Vorhaben ist das besonders sichtbar. Wir bauen Rollen, Zuständigkeiten, Abgrenzungen — aus guten Gründen. Ein Team, das alles macht, macht nichts fertig. Grenzen schützen, und wer keine zieht, brennt aus. Selbstausbeutung will ich damit nicht romantisieren.

    Aber Regeln beantworten immer nur das Was und das Wie. Das Wozu beantworten sie nie.

    Wozu gibt es die Rolle? Wozu die Zuständigkeit? Und was ist eigentlich der Fall, für den wir sie geschaffen haben — und steht er gerade vor der Tür?

    Die Wirtin an der Salzach hat ihren Ruhetag nicht abgeschafft. Sie hat für zwei Pilger eine Ausnahme gemacht und danach weiter geputzt. Das ist keine Frage von Prozessen. Das ist Ermessen — und Ermessen braucht zwei Dinge: den Spielraum und die Erlaubnis, ihn zu nutzen.

    Wenn in Ihrer Organisation niemand Ausnahmen macht, hat das selten mit Faulheit zu tun. Meistens fehlt eines von beidem.

    Was bleibt

    Ich bin an diesem ersten Tag an einer verschlossenen Kapelle der Vergebung gestanden und habe mich geärgert. Heute denke ich, sie hat mir mehr mitgegeben als jede offene.

    Nicht die Institution hat aufgemacht. Menschen haben aufgemacht.

    Und das ist die Frage, die ich vom Weg mitgenommen habe — für mich selbst und für jede Führungskraft, mit der ich arbeite:

    Was hängt bei uns an der Tür? Wer steht gerade davor? Und was bräuchte es, damit jemand aufmacht?

    Johannes Wirgler
    Über den Autor
    Johannes Wirgler
    Systemischer Coach · Unternehmensberater · Lehrbeauftragter FH Wien

    20 Jahre IT, davon 10 in Führungsverantwortung. Systemischer Coach (ISO 17024), Lehrender an FH Campus Wien und FH Technikum Wien. Ich begleite Führungskräfte und Organisationen dabei, Führung gesund, klar und wirksam zu gestalten.

    Ein Thema das Sie beschäftigt?
    Reden wir darüber.

    Kostenloses Erstgespräch Referenzen ansehen
    ← Vorheriger Beitrag
    Mit Menschenvielfalt Zukunft gestalten