Mein Weg, Teil 11
Am Wallersee, kurz vor Salzburg, waren wir auf unserem Jakobsweg hungrig und auf der Suche nach etwas zu essen. Unten an der Promenade, wo die Restaurants sind, hing an jeder Tür eine Tafel. Und jede Tür war zu.
Wir sind die Promenade auf und ab gegangen. Dann ein zweites Mal. Irgendwann sind wir weiter am See entlang, ohne Plan, und dann irgendwo hinten den Hang hinauf. Nicht, weil wir dort etwas vermutet hätten. Sondern weil unten nichts mehr übrig war.
Oben stand ein Gourmet-Lokal. Seit 14 Uhr geschlossen. Die Familie saß gerade beim Essen. Der Wirt kam heraus und sagte: „Wir haben schon zu. Aber was wollt’s denn essen? Setzt euch zu uns.“
Wir wollten dankend ablehnen. Wir hatten die Preise auf der Karte gesehen. Am Ende bekamen wir ein hervorragendes Essen, Kaffee und Getränke, und zahlten rund 13 Euro pro Person.
Über die Großzügigkeit dieses Wirts könnte ich einen eigenen Text schreiben. Hier geht es mir um etwas anderes: Wir haben dieses Lokal nur gefunden, weil wir uns verlaufen haben. Dort, wo es hingehört hätte, war nichts. Das Beste lag dort, wo wir ohne Irrweg nie hingegangen wären.
Der geplante Weg
Am Jakobsweg ist der Weg vorgegeben. Gelbe Pfeile, Muscheln, Markierungen an Hauswänden und Laternenmasten. Man muss eigentlich nichts entscheiden. Man geht, wo der Pfeil hinzeigt.
Das ist entlastend. Und es ist verführerisch. Denn wer dem Pfeil folgt, kommt sicher an. Er kommt nur nirgendwo anders hin.
Trotzdem standen wir immer wieder an Abzweigungen und haben entschieden. Manchmal für eine Verkürzung, weil die Beine nicht mehr wollten. Manchmal dagegen. Und manchmal haben wir gar nicht entschieden, sondern einfach nicht aufgepasst. Zurückgefunden haben wir jedes Mal. Nur selten auf dem Weg, den wir geplant hatten.
Der gewählte Umweg
Ein Umweg ist eine Entscheidung. Man sieht den markierten Weg und nimmt bewusst einen anderen. Weil ein Ort neugierig macht. Weil der Normalweg an der Bundesstraße entlangführt. Oder weil man einfach wissen will, was hinter dem nächsten Hügel liegt.
Umwege kosten etwas. Zeit, Kraft, manchmal ein paar Kilometer, die am Abend schwer in den Beinen liegen. Sie sind nie die effiziente Wahl. Aber sie führen dorthin, wo andere nicht hinkommen. Unentdecktes gibt es nur abseits der Pfeile.
Der Irrweg, der passiert
Ein Irrweg ist das Gegenteil. Niemand wählt ihn. Man übersieht eine Markierung, nimmt die falsche Abzweigung, und irgendwann merkt man: Hier stimmt etwas nicht.
Dann kommt der Zweifel. Zurückgehen oder weiter? Wer ist schuld? Die Karte, der andere, man selbst? Im Moment selbst ist ein Irrweg nichts Schönes. Er ist Ärger, Anstrengung und manchmal ein Stück Verzweiflung. Der Weg wird länger, der Tag auch.
Ich will das nicht schönreden. Am Wallersee war ich hungrig, müde und genervt. Von Bereicherung war da keine Rede.
Was unterwegs auftaucht
Und doch: Wenn ich heute auf den Jakobsweg zurückschaue, finde ich keinen Irrweg, der nur anstrengend war. Keinen einzigen. Zuerst hat es sich jedes Mal nach Mühe angefühlt. Und jedes Mal ist danach etwas aufgetaucht.
Ein Blick, den wir auf dem markierten Weg nicht gehabt hätten. Ein seltsamer Ort, über den wir noch Tage später gesprochen haben. Menschen, die uns geholfen haben, ohne dass wir fragen mussten. Ein Essen am Familientisch eines Wirts, der eigentlich schon Feierabend hatte.
Umwege wählt man, Irrwege passieren einem. Und beides führt zu etwas, das auf dem geplanten Weg nicht vorgekommen wäre.
Der gerade Weg ist für das Ankommen gemacht. Für alles andere braucht es die Abweichung.
Was das mit Führung zu tun hat
In vielen Organisationen gilt der Umweg als Fehler. Es gibt einen Plan, einen Meilenstein, einen Zielzustand. Wer abweicht, muss sich rechtfertigen. Wer sich verirrt, hat nicht aufgepasst.
Agiles Arbeiten und New Work versprechen etwas anderes. Kurze Zyklen, Lernschleifen, Ausprobieren. Doch in der Praxis erlebe ich oft, dass die Pfeile nur kleiner geworden sind. Der Sprint ist geplant, das Backlog priorisiert, und für das Unerwartete bleibt kein Platz.
Die Frage, die mir der Jakobsweg hinterlassen hat, ist die nach dem Wozu. Wenn klar ist, wozu wir unterwegs sind, dann ist nicht jeder abweichende Schritt ein Risiko. Dann kann ein Team einen Umweg nehmen, ohne das Ziel zu verlieren. Und es kann sich verirren, ohne dass daraus ein Schuldthema wird.
Führung heißt für mich an dieser Stelle zweierlei. Erstens: das Wozu so klar machen, dass Menschen auch abseits der Markierung Orientierung haben. Zweitens: Irrwege aushalten, ohne sofort zu korrigieren. Viele Lösungen, die sich später als die besten herausstellen, lagen nicht im Plan. Sie lagen oben am Hang, hinter dem See, dort, wo niemand gesucht hat.
Das heißt nicht, dass Planung falsch ist. Wer ohne Pfeile losgeht, kommt nicht in Santiago an. Aber wer nur den Pfeilen folgt, erlebt unterwegs nur das, was andere für ihn vorgesehen haben.

Was im Rückblick bleibt
Am Jakobsweg haben wir einen Mann kennengelernt, dem wir immer wieder begegnet sind. Wir haben uns gefühlt zehnmal verabschiedet. Jedes Mal mit einer Umarmung, jedes Mal im Glauben, es sei das letzte Mal.
Gegen Ende des Weges sind wir einen anderen Weg gegangen als den üblichen. Einen Umweg, wenn man so will. Wir kamen in einem Ort an, fanden eine Unterkunft, aber dort gab es nichts zu essen. Also sind wir durch den Ort gewandert, haben gesucht, uns verlaufen, und schließlich ein Lokal in einem Hotel gefunden.
Wir setzen uns hin. Und da sitzt er. Genau in diesem Hotel hatte er sein Zimmer.
Wir haben an diesem Abend viel über unsere vielen Abschiede gesprochen und herzlich darüber gelacht. Dann haben wir uns wieder verabschiedet. Und auf dem restlichen Weg ist es noch dreimal passiert.
Hätten wir den Normalweg genommen, wären wir ihm an diesem Abend nicht begegnet. Der Umweg hat uns nicht von ihm weggeführt, sondern zu ihm hin.

Die stärksten Erinnerungen an meinen Jakobsweg habe ich nicht von den markierten Etappen. Ich habe sie von den Stellen, an denen wir falsch abgebogen sind oder bewusst anders gegangen sind. Der längere Weg war fast immer der reichere.
Das war im Moment nie so klar. Klar wurde es erst im Rückblick. Vielleicht ist das die eigentliche Lektion: Den Wert eines Umwegs erkennt man selten, während man ihn geht.